Das Paracelsus-Spital gehört jetzt vollständig einer Privatfirma (Tagesanzeiger)

Der Trägerverein verkaufte alle Anteile an die NSN Medical AG. Diese setzt weiter auf ganzheitliche Medizin.

Es ist das kleinste Akutspital im Kanton Zürich, und es hat eine besondere Geschichte. Das Spital in Richterswil war das erste, dem die damalige Gesundheitsdirektorin Verena Diener in den
Neunzigerjahren die Subventionierung aufkündigte, noch bevor sie mit der Spitalliste 1998 die grösste Schliessungswelle einleitete, die es je in der Schweiz gab. Zehn Spitäler im Kanton Zürich
mussten in der Folge ihren Betrieb aufgeben. Richterswil gehörte aber nicht dazu. Denn die Gemeinde, der das Spital gehörte, fand einen Käufer: den Verein Paracelsus-Klinik; er zahlte knapp
15 Millionen Franken. In dem Verein hatten sich Leute zusammengetan, die ein Spital führen wollten, in welchem auch anthroposophische Heilmethoden zur Anwendung kommen sollten.

Das ist bis heute der Fall in Richterswil. Und das Spital trägt auch noch immer den Namen Paracelsus. Dass es überlebte, hatte wiederum mit Verena Diener zu tun: Selber der Anthroposophie zugetan, erteilte sie dem Paracelsus-Spital einen Leistungsauftrag für Komplementärmedizin. Doch jetzt hat sich der Trägerverein nach 20 wechselvollen Jahren, die oft finanziell an den
Rand des Abgrunds führten, auf Anfang 2017 vollständig aus der Besitzerrolle zurückgezogen; er kümmert sich nur noch um ausgewählte Bereiche wie die anthroposophische Forschung und Weiterbildung der Pflege. So bleibt er dem Spital verbunden. Bereits 2013 hatte der Verein die Betriebsführung der NSN Medical AG übertragen und diese zu 60 Prozent am Spital beteiligt. Anfang 2017 übernahm die Firma alle Anteile. Über den Preis habe man Stillschweigen vereinbart, sagte Geschäftsführer Jürgen Robe gestern an einem Mediengespräch im Paracelsus-Spital, dessen ärztlicher Leiter er zugleich ist.

«Es gibt noch immer das Vorurteil, dass man nur zum Gebären oder zum Sterben ins Paracelsus-Spital kommt.»
Jens Weber, Spitaldirektor

Die NSN Medical ist eine Schweizer Unternehmensgruppe, zu der unter anderem die Limmatklinik in Zürich und die Eulachklinik in Winterthur gehören. Gegründet wurde sie 2001 von vier Anästhesieärzten, unter ihnen Jürgen Robe. Die Gruppe erzielt laut eigenen Angaben einen Jahresumsatz von 85 Millionen Franken und beschäftigt rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, etwa die Hälfte davon im Paracelsus-Spital. In den vergangenen Jahren geriet sie mehrmals wegen Entlassungen in die Schlagzeilen. Die Gewerkschaft VPOD kritisierte angebliche «Fehlentscheide» der neuen Spitalbetreiber in Richterswil, für die das Personal zahlen müsse.

Robe bestreitet nicht, dass es «einige Kündigungen» gab. Vor allem am Anfang des Engagements von NSN seien viele Angestellte gegangen, «weil wir nicht zueinander passten». Weil das Spital finanziell schlecht dastand – punkto Fallkosten gehörte es 2012 zu den teuersten im Kanton –, verlangte die neue Betreiberfirma von den Angestellten mehr Leistung und leitete eine Restrukturierung ein. Die Situation spitzte sich noch zu, als ein wichtiger Partner des Spitals, die orthopädische Etzelclinic in Pfäffikon, die Zusammenarbeit aufkündigte. Damit gingen Hunderte Patienten verloren. Insgesamt wurden im Paracelsus-Spital rund 40 Stellen abgebaut, 15 davon waren laut Robe «echte Entlassungen».

Bekenntnis zum Regionalspital

2015 sei ein «schlimmes Jahr» gewesen, sagt Robe; es endete mit einem Verlust von 2,1 Millionen Franken. Für 2016 erwartet er ein Plus von knapp 1 Million. Das Spital behandelte fast 3000 Patientinnen und Patienten stationär. Es verfügt über 51 Betten, drei Operationssäle und eine Notfallstation und betreibt auch zwei ambulante Zentren in Richterswil und Zürich. Robe sieht das Spital in erster Linie als Regionalspital, das die Grundversorgung der Bevölkerung am oberen linken Zürichseeufer übernimmt. Die Komplementärmedizin sei eine Ergänzung, kein Ersatz der Schulmedizin. Dieses Konzept sei noch nicht überall bekannt, stellte Spitaldirektor Jens Weber fest: «Es gibt noch immer das Vorurteil, dass man nur zum Gebären oder zum Sterben ins Paracelsus-Spital kommt.»

Die Geburten sind allerdings tatsächlich ein wichtiger Bereich; 660 waren es letztes Jahr. Die Frauenklinik unter der langjährigen Leitung von Angela Kuck hat sich mit ihrer Erfahrung bei Steisslagen weitherum einen Namen gemacht; sie hat die niedrigste Kaiserschnittrate im Kanton und bezieht konsequent komplementärmedizinische Verfahren in die Behandlung ein. Auch in der Onkologie spielt die Komplementärmedizin, speziell die anthroposophische, eine grosse Rolle. Viele Krebspatientinnen reisen deswegen nach Richterswil. Sie erhalten hier Misteltherapien – aber auch Chemo, wenn sie dies wünschen. Die Onkologen sind, wie alle Fachleute im Spital, in beiden Bereichen ausgebildet.

Um die Wirkung der Arzneien zu steigern, setzen die Onkologen die sogenannte Überwärmungstherapie ein, eine Spezialität des Paracelsus-Spitals. Dabei wird der Tumor mit Strahlen erwärmt, was die Durchblutung erhöht. Bei dieser Therapie arbeitet das Paracelsus-Spital eng mit dem Kantonsspital Aarau zusammen. Ein weiteres Partnerspital ist das Triemli; dorthin werden Patienten überwiesen, die eine spezialisierte Behandlung brauchen, die das Regionalspital nicht anbieten kann.

Artikel als PDF: Tages-Anzeiger_18.01.2017-1