Gemeinsam ein Tabuthema anpacken (Höfner Volksblatt)

Die Gemeinde Richterswil leistet Pionierarbeit: Mit dem Projekt «richtig gsund» will sie in Zusammenarbeit mit dem Paracelsus Spital und der KMU-Vereinigung der psychischen Gesundheit mehr Aufmerksamkeit schenken.

Die Arbeitskollegin bricht bei der kleinsten Unstimmigkeit in Tränen aus, der Chef macht immer mehr Druck, und selber kommt man am Morgen kaum mehr aus dem Bett, fühlt sich schlapp und antriebslos. Solche Situationen gibt es in jedem Betrieb, denn immer mehr Menschen haben mit psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen zu kämpfen. «Wir stellen fest, dass wir immer wieder Mitarbeiter haben, die wegen psychischer Krankheiten ausfallen», gibt Roger Nauer, Personalchef und Gemeindeschreiber von Richterswil, unumwunden zu. «Beim hohen Leistungsdruck in unserer Gesellschaft ist dies leider auch nicht verwunderlich. Wir möchten jedoch nicht erst dann reagieren, wenn es schon zu spät ist.»

Über ein Tabuthema reden

«Es ist auch im Jahr 2017 leider nicht üblich, zu psychischen Problemen und Krankheiten zu stehen», ergänzt Gemeinderätin Melanie Züger. Um die breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren und um die eigenen Angestellten zu unterstützen, lanciert die Gemeinde Richterswil deshalb das Projekt «richtig gsund». Als einer der grössten Arbeitgeber will die Gemeinde die
psychische Gesundheit direkt im Betrieb thematisieren. Dies soll einerseits mit einer Sensibilisierungskampagne «Unsere Psyche? Kein Tabu!» und andererseits mit Schulungstagen für das
mittlere und obere Kader geschehen. Als Kooperationspartner konnten die KMU­Vereinigung Richterswil/Samstagern und das Paracelsus­Spital gewonnen werden.

«Wir sind keine Maschinen»

«Ich stelle fest, dass die Lebenserschöpfung zugenommen hat», sagt Spitaldirektor Jens Weber. In «seinem» Betrieb arbeiten 260 Angestellte, diese sind täglich mit dem Thema Gesundheit konfrontiert. «Auch bei uns kämpfen einzelne Mitarbeiter mit psychischen oder psychosomatischen Problemen, doch wir gehen sehr offen mit dem Thema um», so Weber.
Für ihn gehört es zum Leben dazu, dass man manchmal auch scheitert. «Das ist jedoch völlig normal, denn wir sind keine Maschinen, die immer funktionieren», betont der Spitaldirektor. Wichtig sei ihm, dass sich die Angestellten aufgehoben fühlten und offen über ihre Sorgen, Konflikte und Probleme reden würden. Aus diesem Grund habe sich das Paracelsus
Spital dem Projekt «richtig gsund» angeschlossen. «Wir möchten unsere Mitarbeiter unterstützen und ihnen – falls nötig – die richtige Therapieform
anbieten», erklärt Jens Weber. «Manchmal reicht vielleicht ein Gespräch mit der Personalabteilung, in anderen Fällen ist ein Psychiater nötig. Es braucht jedoch immer ein Vis­à­vis,
dem man sich anvertrauen kann.»

Davon ist auch Hansjörg Huber überzeugt. Der Präsident der KMUVereinigung Richterswil/Samstagern erreicht rund 100 Firmen und hat diese bereits über die Kampagne informiert.
«Ehrlich gesagt hält sich das Interesse noch in Grenzen, aber einer muss ja der Eisbrecher sein», ist Hansjörg Huber von der guten Sache überzeugt.

Anlässe für die Bevölkerung

Das Projekt «richtig gsund» wird am Frühlingsmarkt vom Samstag, 29. April, der Bevölkerung vorgestellt. «Ende Juni finden zudem Referate zum Thema statt, und am 1. September gibt es auf dem Wisshusplatz Infos und Angebote für Gesundheit und Wohlbefinden», sagt Projektleiterin Evelyne Bucher und ergänzt: «Im Alterszentrum im Wisli wird den Bewohnern vom 8. bis 12. Mai ein Wellness­Programm geboten.» Rechtzeitig zum Frühlingsmarkt soll auch die Homepage www.richtig­gsund.ch fertiggestellt sein.

Artikel als PDF: hoefnervolksblatt_20170420_11